„Die große Tierwanderung“ ist von der Kaleidoskop-Jury ausgewählt

Die Kaleidoskop-Jury hat „die große Tierwanderung“ für die Kaleidoskop-Theatertage 2018 ausgewählt.

Die Bewertung der Jury

Die große Wanderung nimmt uns mit großer Leichtfüßigkeit auf eine Reise auf engstem Raum. Äußerst lustvoll gelingt es dem Theater Patati-Patata den Zuschauenden mit reduzierten Mitteln eine andere Welt vor Augen zu führen. Ganz bewusst spreche ich hier von reduzierten Mitteln und nicht von einfachen Mitteln.

Beeindruckend ist hierbei sicherlich die gestalterische und spielerische Reduzierung aufs Wesentlichste. Betrachtet man die Figuren dieses gelungenen Figurenspiels, so passen diese vermutlich alle in eine kleine Reisetasche. Auch die restlichen Bühnenelemente sind sehr kompakt. So begeben wir uns mit einer Zebra-Karawane auf Reise, die in erster Linie dadurch als Zebragruppe erkennbar wird, dass die aus Holzklötzchen bestehenden Körperteile schwarz-weiß- gestreift gestaltet sind. Ansonsten sind sie zunächst einmal eckige Holzklötzchen, die allerdings voller Leben stecken.

Noch beeindruckender wirken die unterschiedlichen Situationen, Nöte und Problemstellungen, denen wir als Mitreisende unterwegs begegnen. Die Themen von Migration und Exodus, die Umweltveränderungen erzwingen, werden bei der großen Wanderung spielerisch und altersgemäß transformiert. Zentral setzt das Theater Patati-Patata hierbei auf die Schaulust der Zuschauer*innen. Ergänzend dazu wird die Tonebene auf faszinierende Weise als zusätzliche Darstellungsebene bespielt. So wird das Brüllen des Löwen durch einen Haarkamm erzeugt oder das Abbeißen einer Karotte zur Vertonung von Essgeräuschen der Zebraherde eingesetzt.

Am insgesamt beeindruckendsten erscheint im Verlauf der kompletten Aufführung der Spielgeist, mit dem es Sonka Müller gelingt die Erzählung an das Publikum zu vermitteln. Trotz all ihres Einsatzes und der Energie, mit der sie die Handlung vorantreibt, gelingt es ihr stets sich im Hintergrund des Bühnengeschehens zu halten. Im allerbesten Sinne tritt sie als Vermittlerin der Handlung auf, die sich immer wieder aufs Neue von den plötzlichen Änderungen im Ablauf überrascht zeigt. Hierdurch gelingt es ihr aus der Position der allwissenden Erzählerin auszusteigen. Stattdessen bringt sie sich selbst von Anbeginn situativ mit in die Bühnensituation ein. Immer wieder aufs Neue gerät auch sie als Bühnendarstellerin in schicksalhafte Situationen voller Unwägbarkeiten. Im Vergleich zu Wassernöten, Dürren oder gar Kriegen erscheint eine Auseinandersetzung mit der Tontechnik natürlich banal, aber auch hierin versteckt sich eine wichtige Parabel: Das, was allzuoft als schicksalhaft auf uns einwirkende Außenwelt wahrgenommen wird, kann auch von uns beeinflusst werden.

Jörg Thums, Februar 2018

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