Sachbericht: „Erzähl mir von dir – Afrika trifft Europa“

Teil 3 des interkulturellen Jugendtheaterprojekts Reutlingen – Bouaké/Elfenbeinküste

Vom 04. – 22. Juli 2013 in Reutlingen

Nach der erfolgreichen Erarbeitung des Theaterstückes „Racconte moi – Le moment ou nous ne savions rien l’un de l’autre“ im November 2012 an der Elfenbeinküste mit vier Vorstellungen vor ca. 1.400 Zuschauern in Bouaké und Abidjan, und dem theatralen Reisebericht „ Afrika oh Afrika“, den die deutschen Schüler im Januar in Reutlingen auf die Beine gestellt haben, wurde im Gegenbesuch das Stück aus Bouaké weiterentwickelt.
Dabei standen nun die Fragen im Vordergrund, die die Afrikaner hier im Kontakt mit der europäischen Kultur bewegen.
Sieben ivorische Schüler aus Bouaké reisten mit zwei begleitenden Deutschlehrern nach Reutlingen, wo in 12 Tagen zusammen mit sechs deutschen Schülern, alle zwischen 16 und 22 Jahren alt, ein gemeinsames Theaterstück entwickelt wurde. Ausgangspunkt waren eigene Geschichten und Fragen, aktuelle Erlebnisse und Erfahrungen aus dem Alltag. Gedichte, Märchen und Lieder aus zwei Kontinenten ergänzten die eigenen authentischen Erzählungen und wurden künstlerisch umgesetzt.

„Erzähl mir von dir“ stellt Fragen und sucht Antworten: Wer bin ich, wie leben wir hier und dort? Wo müssen wir übereinander lachen, wo uns an den Kopf fassen? Wo stehen die vielen Fettnäpfchen und wo haben wir Angst voreinander? Was wissen wir voneinander? Beherrschen Vorurteile, Visionen und Wunschträume das gegenseitige Bild vom anderen Land / Kontinent? Was steckt dahinter?
„Erzähl mir von dir“ wirft den Blick hinter die schwarz-weiße Fassade in Schauspiel, Text, Tanz, Musik. Gespielt wurde auf deutsch, französisch, afrikanisch und schwäbisch.

Ziele des Projektes

Projekte dieser Art überwinden Vorurteile, fördern Toleranz und lassen hoffen, dass sich auch in Zukunft Menschen unterschiedlicher Herkunft offen und frei auf Augenhöhe begegnen werden. Die Welt ist groß und es gibt viele Wege in und mit ihr zu leben. Dem Theaterspiel kommt dabei eine große Bedeutung zu, da es zum einen ein offenes Forum für erlebte und erzählte Geschichten bietet und gleichzeitig mit künstlerischen Formen diese umsetzt, kondensiert und für eine öffentlichkeit erlebbar macht. Theater überwindet hier auch Grenzen der Kommunikation, da das gesprochene Wort allein nicht wichtig ist. Tanz, Bewegung, Spiel erleichtern den Umgang miteinander, die gesprochene Sprache ist nur ein Teil der Ausdrucksmöglichkeiten. Mit der fremden unbekannten Sprache wird spielerisch umgegangen, dadurch wird ein Freiraum geschaffen, der Mut macht, sich auch mit geringen Sprachkenntnissen auszudrücken. Es findet eine Begegnung statt mit Haut und Haar, mit Körper und Herz.

Inhaltlich

Begegneten sich zwei Kontinente, zwei Kulturen, versuchten sich zu verstehen, näher zu kommen und den Gedanken von Gleichberechtigung und einer Welt umzusetzen. Im Stück wurden aktuelle gesellschaftliche und politische Fragen aufgegriffen und daraus ein eigenes Theaterstück entwickelt. Ausgehend von Fragen und Eindrücken aus dem Erlebten haben wir mit den Teilnehmern ihre Themen aufgespürt. Die Welt sind wir – wir machen die Welt – Geschichte ist, was Menschen machen oder gemacht haben – es ist das Leben… Wir können uns einmischen und die Welt bewegen.

Probenarbeit

Von der Idee zum eigenen Stück: Schüler als Ideengeber, Autoren, Spieler
Wenn die Spieler ihre eigenen Geschichten erzählen zu Themen, die ihnen wichtig sind, dann erzählen sie sehr authentisch, berührend. Daher ist es wichtig, dass die Jugendlichen das Stück inhaltlich stark selber prägen und von Anfang an mit ihren Fragen an ein Thema herangehen. So wird es zu ihrer Geschichte. Die Theaterleute vermitteln Techniken der künstlerischen Umsetzung, das „Wie erzähle ich das am besten?“ Licht, Bühnenbild, Kostüme sind nur das Sahnehäubchen. Man benötigt keine Bühne – Theater kann auf einem Dorfplatz stattfinden, auf dem Schulhof – überall, wo ein Mensch anderen eine (gute) Geschichte erzählen möchte. Im Mittelpunkt steht der Schauspieler, der Mensch mit seinen Fähigkeiten sich auszudrücken über Klang, Wort, Geste, Bewegung. Ziel ist es, den Jugendlichen diese Ausdrucksmöglichkeiten nahezubringen und Vertrauen und Selbstbewußtsein zu finden in: Ich kann – ich habe etwas zu sagen – andere / ein Publikum hören mir zu.
Bereits in den Wochen vor dem Besuch wurden per Mail Inhalte ausgetauscht: Welche Sorgen, ängste, Erwartungen habt ihr vor eurer Reise nach Europa? Was denkt ihr, wie es hier ist? Was wollt ihr unbedingt sehen, wissen, von uns erfahren? Welche Fragen brennen euch unter den Nägeln? Diese Fragen und Inhalte wurden gesammelt. Die deutschen Schüler haben sich dazu Texte gesucht – teils aus der Presse, aus Lieratur oder eigene geschrieben.
Hieraus haben die deutschen Schüler Szenenvorschläge erarbeitet und sie an die Ivorer weitergereicht – diese wiederum haben Ideen dazu entwickelt. Ab dem ersten gemeinsamen Probentag diente dieses Material als Spielmaterial. In der täglichen Probenarbeit haben wir sowohl über Körpertraining, Konzetrations- und Entspanngsübungen, über das Erlernen von Liedern und Rhythmus ein Aufwärmtraining gemacht, danach dann folgte der inhaltliche Teil: Zum Beispiel: Erzähl mir von 36 Stunden Europa – stell dir vor, du schreibst eine Karte nach Hause – was stünde da? Diese Kartengrüße wiederum waren Grundlagen für Improvisationen (die Deutschen: 36 Stunden mit Gästen aus Afrika – alles klar? Was koche ich, verstehen sie mich, … Gastgebersorgen). Obwohl wir anfangs viele Themen bearbeitet haben und für die Spieler noch kein roter Faden erkennbar war, haben uns die bereits erfahrenen Spieler – so wie die Erfahrung aus Bouaké beim ersten Projekt -zuversichtlich gestimmt, dass spätestens nach einer Woche die Projektleitung mit einem dramaturgischen Konzept alle überraschen wird. In diesem Konzept sollten alle Fragen, Aspekte und künstlerischen Versuche plötzlich einen Platz finden, und sich ein Stück heraus kristallisieren, das von der Oberfläche der Begegnung immer tiefer an die globalen Fragen zwischen den beiden Kontinenten rührt, wie Bildung, Zukunftspläne, wirtschaftliche Verantwortung und Abhängigkeit.
Interessant ist die Erfahrung, dass sich alle Schüler auf diesen unbekannten Weg eingelassen haben und mit großer Offenheit erzählt haben, getanzt, getrommelt, zusammengespielt und dass die ganze Gruppe nicht aus zwei Gruppen unterschiedlicher Herkunft besteht sondern aus einem 14 köpfigen Ensemble, das sich auf Augenhöhe begegnet jenseits von Herkunft und Hautfarbe. Wir sind heute wie eine Familie.

Das Stück

Wir haben in nur 12 Tagen ein tiefschürfendes Stück erarbeitet aus authentischen Geschichten über die Begegnung zweier Kontinente, über junge Mensch aus Afrika und Europa, die von einer Welt träumen, in der es keine Grenzen gibt. Ein Stück, das auch schwierige politische Themen anspricht wie Bildungschancen für Mädchen an der Elfenbeinküste, Tradition und Angst vor Modernismus, Zwangsverheiratung, wirtschaftliche Abhängigkeit und moderner Kolonialismus. „Afrika der verlorene Kontinent?“ so ein Text aus der ZEIT vom Sommer 2003. Was kann man tun? Es ist ein wichtiges Stück geworden.

Die Aufführungen im FranzK Kulturzentrum Reutlingen

Über 500 Menschen haben die drei Vorstellungen besucht, darunter mehr als 50% Jugendliche. Es gab zahlreiche Vorbereitungsgespräche an Schulen, bei denen die Ivorer in Schulkassen über ihre Heimat und ihre Eindrücke in Europa berichtet haben. Insgesamt kann man sagen, wurde in Reutlingen 14 Tage über Afrika gesprochen: In Schulen, im Theater, in der Presse.

Zuschauerstimmen

„ihr habt so ein wunderbares Theaterstück auf die Bühne gebracht. Sensibel gewählte Inhalte, toll inszeniert und super gespielt. Es war sehr unterhaltsam und doch so, dass es zum Nachdenken und darüber Sprechen anregte. Die Verbundenheit der Schauspieler und die Freude am Spielen sprang so richtig auf das Publikum über… Ein super Projekt, für das sich alle Mühe lohnte.“

„Ich war am Mittwoch bei der Schwarzweiß-Aufführung, die so wunderbar differenziert und lebendig daherkam, als ob es eigentlich keine Probleme geben dürfte zwischen Menschen verschiedener Kulturen, diese aber doch präzise benannte.“
(Referent für Schultheater am Regierungspräsidium Tübingen)

Presse

Intensiv, engagiert, üppig… Wie Perlenketten verknüpfen sich Szenen, unterlegt von afrikanische Rhythmen, Fragen und Erlebnissen. Die Reutlinger und Ivorer hinterfragen – teils amüsiert, teils irritiert – Werbung, Vorurteile, Traditionen, Lernen, Liebe, Träume, Chancen“ (GEA 21.07. 2013)

Zukunft / Nachhaltigkeit / Ziele

Projekte dieser Art überwinden Vorurteile und fördern Toleranz und lassen hoffen, dass auch in Zukunft sich Menschen unterschiedlicher Herkunft offen und frei auf Augenhöhe begegnen werden. Dem Theaterspiel kommt dabei eine große Bedeutung zu, da es zum einen ein offenes Forum für erlebte und erzählte Geschichten bietet und gleichzeitig mit künstlerischen Formen diese umsetzt, kondensiert und für eine öffentlichkeit erlebbar macht. Das Projekt hat in Reutlingen einiges bewegt und die Städtepartnerschaft um eine Austauschkomponente unter jungen Menschen bereichert. Es freut uns, dass für die nächsten drei Jahre Folgeprojekte angedacht sind in Kooperation mit dem Kulturamt der Stadt Reutlingen, Reutlinger Schulen und Theaterpädagogen als künstlerische Begleitung. Derzeit sind bereits drei Schulen in die Planungen zu einem Schüleraustausch eingestiegen
2016 oder 2017 planen wir ein weiteres Theateraustauschprojekt mit unserem Theaterjugendspielclub.

Das Begleitprogramm

Neben den Proben haben wir unseren Gästen in zahlreichen Veranstaltungen unsere Kultur näher gebracht. Besuche bei unterschiedlichen Bildungseinrichtungen vom Kindergarten bis zur Universität, haben Eindrücke unseres Bildungssystems vermittelt. Grandios waren auch der Besuch bei den Stadtwerken und die Einführung in das Müll- und Recyclingsystem.
In der knappen Freizeit konnten wir bei zahlreichen Theater- und Konzertbesuchen
vom Hipp Hopp über Klassik, Bowling, Freibad oder Stocherkahnfahren einen Eindruck vom Freizeitleben deutscher junger Menschen vermitteln. Nicht zu verachten bei tropischen Temperaturen abendliche Grillpartys und Lagerfeuerabende.

Ein Hoch auf die Gastfamilien

Die deutschen Gastfamilien haben sich umwerfend um ihre Gäste gekümmert. Angefangen vom täglichen gemeinsamen Mittagessen kochen für alle während der Theaterprobenphase, Fahrdiensten, dem Organisieren von Theaterbesuchen, Ausflügen, Festen, Einladungen usw. Das war ein einmaliges Engagement. Die Eltern sind zu einem echten Erfolgsteam zusammengewachsen. Wenn sich das wiederholen ließe in künftigen Begegnungen, wäre das toll.

TeilnehmerInnen

Adiko Amond Bossan Lea Elisabeth, Soro Rockia Baraw, Dao Fatim, Fofana Fatou, Sylla Mahoua, Coulibaly Ousmane, Sako Souleymane, Verena Plath, Jana Schönwetter, Mark Sinzger, Janik Ettwein, Hannah Levene, Laura Kipp

Projektleitung

Sonka Müller, Schauspielerin und Regisseurin Theater PATATI-PATATA; Coulibaly Adama, Deutschlehrer am Lycée moderne et classique 1 in Bouaké

Assistenz

Nanourou Konaté, Deutschlehrer am Lycée Moderne jeunes filles de Bouaké