Projektbericht: „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“

Interkulturelles Jugendtheaterprojekt zwischen dem TeenieTheaterTreff Reutlingen und dem Deutschclub des Lycée classique et moderne in Bouaké.

Ziel des Theaterprojekts war es, über Improvisation gemeinsam ein ganz neues Stück zu erarbeiten. Anknüpfungspunkte waren dabei zu Beginn Ängste, Vorurteile, Halbwissen. Wir haben gegenseitig Fragen über die andere Kultur gestellt  und über die eigene Kultur erzählt. Das Theaterprojekt lebte insbesondere von der Ensemblearbeit. Es gab sehr viele Gruppenszenen  in unserem Stück. Dabei ging es um das gemeinsame Spiel, es konnte nur gelingen,  indem man aufeinander hört, sich gegenseitig wahrnimmt, reagiert und zusammen arbeitet.

Wir haben in einem überdachten, halboffenen Klassenraum und im Innenhof des Lycée drei Nachmittage und sechs ganze Tage lang geprobt. Am Tag der Premiere war außerdem vormittags die Generalprobe. Die Aufführungen in Bouaké fanden am Dienstag, den 06.11.2012 im Innenhof des Lycée und am Mittwoch, den 07.11.2012 in der Stadthalle jeweils um ca. 16.15 Uhr statt. In Abidjan spielten wir am 09.11.2012 um 17.30 Uhr im Goethe-Institut und am 10.11.2012 um 11.15 Uhr auf dem Schulgelände des College Notre Dame, wo wir auch die drei Nächte in Abidjan einquartiert waren.

Gesprochen haben wir während der Proben meist auf Französisch. Pausengespräche fanden sowohl in Deutsch als auch in Französisch statt. Die Sprache im Theaterstück war fast ausschließlich Französisch. Wir haben viel mit außersprachlichen Elementen, wie Musik und Choreographie, gearbeitet. Wir haben deutsche und ivorische Lieder gemeinsam gesungen, und über Kernsätzen improvisiert, wie „Tous les vêtements“ in einer Waschszene oder „Belle belle“, dem Namen eines afrikanischen Spiels. Choreographisch war beispielsweise eine Szene, in der wir Schüsseln auf dem Kopf balancierten oder Feldarbeit in der Gruppe darstellten. Auch ein Spiel, bei dem die ivorischen Mädchen sich die Haare der deutschen Mädchen als Perücken über die Köpfe legten, war stark choreographisch, ebenso wie das Cha-Cha-Cha-Tanzen.

Mittags haben wir im Restaurant gegessen oder direkt vom Straßenverkauf Attieke, Fisch, Reis, Aloko und Gemüse als Picknick auf der Probe verzehrt. Zum Frühstück und Abendessen haben wir im Supermarkt Brot, Milch, Müsli, Marmelade, usw. besorgt und auf der Hotelterrasse gegessen.

Betreut wurden wir von Coulibaly Adama, Deutschlehrer und Leiter des Deutschclubs am Lycée classique et moderne in Bouaké und von Laka, Deutschstudent an der Universität Bouaké. Sie haben die Fahrten vom Hotel zur Schule und zurück organisiert und immer Wasser und Essen besorgt. Auch auf den Markt haben sie uns begleitet, um uns zu führen und die Preise zu verhandeln. Außerdem hat auch der Vater von Fatim immer wieder Fahrten übernommen.

Auf dem Weg von Abidjan nach Bouaké und wieder zurück sind wir von Herrn Koné mit dem Bus des Goethe-Instituts gefahren worden. Die Fahrten haben ca. 5 Stunden gedauert. Herr Coulibaly hat es uns mehrmals ermöglicht, seinen Internet-Stick zu benutzen. Dies war insbesondere für mich sehr hilfreich, da ich auf diese Weise per Mail Lösungen zu Studiumsaufgaben an meinen Tutor schicken konnte.

In der probenfreien Zeit haben wir viele Dinge unternommen, um Kultur und Land noch besser kennen zu lernen. Unter anderem sind wir mehrmals auf den Markt gegangen und haben uns auch Kleider beim Schneider maßanfertigen lassen. Wir haben den Schulunterricht besucht und an einer Debatte im Deutschklub der Universität Bouaké teilgenommen. Abends und zum Tabaski-Fest waren wir bei Familien der jugendlichen Teilnehmer und am Abend vor der Abfahrt nach Abidjan bei Coulibaly Adama eingeladen. Umgekehrt waren mehrere Deutschlehrer aus Bouaké an einem Abend bei uns im Hotel auf die Terrasse eingeladen. Sonntag, den 04.11.2012 unternahmen wir gemeinsam mit unseren ivorischen Projektpartnern einen Ausflug zu einer Kakaoplantage und zum zwei Stunden entfernten Fluss Pandama. Dies war auch für die ivorischen Schüler ein ungewöhnliches Erlebnis. Der Tag ist bei einem deutsch-ivorischen Kochabend ausgeklungen.

Es gab ein paar besondere Herausforderungen während der 18 Tage: Es fehlte im Hotel zwei Tage lang fließendes Wasser. Wir haben uns mit Wasser aus dem großen Tank des Hotels und mit Katzenwäsche beholfen. Bei der Hitze war es oft schwierig, konzentriert zu arbeiten. Unsere Leiterin hat viel Disziplin eingefordert und uns Selbständigkeit zugetraut. An vielen gruppendynamischen Prozessen, wie dem Kommunizieren der eigenen Bedürfnisse, noch dazu in einem fremden Land, sind wir sicher alle persönlich gewachsen.

Ich habe einen sehr positiven Eindruck der Côte d’Ivoire bekommen. Der Optimismus nach 10 Jahren Krise war überall spürbar. Wir, als Fremde und Gäste, haben uns  in Bouaké immer sicher und willkommen gefühlt. Kritisch bleibt der Blick auf die aus europäischer Sicht anachronistischen Geschlechterrollen. Doch gerade in der Generation der Jugendlichen spürt man einen Sinneswandel. Die Mädchen wollen studieren und selbst Geld verdienen. Sie sind auf dem Weg zur Emanzipation. Das Besondere an diesem Projekt war die Begegnung auf Augenhöhe. Wir kamen nicht als Helfer in ein unterentwickeltes Land, sondern wir, ein Jugendspielclub aus Reutlingen, kamen nach Bouaké, um gemeinsam mit den Jugendlichen Theater zu spielen. Ich habe eine wertvolle Erfahrung gemacht: Vorurteile lassen sich nicht in der Theorie, sondern nur im direkten, praktischen Kontakt abbauen.

Inhalt des erarbeiteten Stücks

In Bouaké macht eine Neuigkeit die Runde: Die Deutschen kommen. Sofort treten die ersten Fragen und Ängste auf: Werden sie mit der Hitze und den Krankheiten zu recht kommen? Wie kleidet man sich für die Gäste? Doch auch die Deutschen haben Sorgen: Man muss sich impfen lassen und aufpassen, was man isst und trinkt. Und wird sich innerhalb von drei Wochen eine homogene Gruppe bilden? Als die beiden Gruppen aufeinander treffen, überwiegt die Neugier: Wie sagt man eigentlich Hallo? Was bedeutet Respekt?

Inzwischen landet Laura, aus der Gruppe der Deutschen, nach einer Buspanne in einem Dorf zwischen Abidjan und Bouaké: Sie versteht die fremde Sprache nicht und fühlt sich verloren in ihrer Rolle als weiße Touristin und wohlhabende Helferin, doch die Eingeborenen bieten ihr gastfreundschaftlich etwas zu essen an: Attieke. Aber darf sie das überhaupt essen?

Der Rest der Gruppe ist mittlerweile wieder zu Laura gestoßen und es beginnt ein reger Austausch über die Themen Feste, Geschlechterrollen und Familie, über die Fragen, ob man Kinder schlagen darf und wie man schmutzige Kleidung wäscht: Deutsche und Ivorer erzählen sich in kleinen Szenen Geschichten um ihre Kultur zu erklären. Ousmanes Traum ist es, in Europa als professioneller Fußballer zu spielen. Er wird von den „Selectionneurs“ entdeckt, die ihn mit nach Deutschland nehmen. Seine Familie mahnt ihn, seine Wurzeln nicht zu vergessen und die Mutter macht sich Sorgen, wie er in der fremden Kultur zu recht kommt. Laura erzählt ihr, dass es in Deutschland gerade kalter Winter ist und dass es schneit. Die Mutter hat zwar Angst, ihr Sohn könnte erfrieren, ist aber fasziniert vom Schnee. Plötzlich wollen auch Ousmanes Geschwister nach Europa um dort Maschinenbau, Medizin und Jura zu studieren, damit sie in der Côte d’Ivoire eine Autofabrik gründen, Krankheiten behandeln, gegen das Unrecht kämpfen und für die Familie Geld verdienen können.

Bevor die Mutter ihnen ihren Segen geben kann, warnen sie die Deutschen vor Illusionen: Es gibt nämlich sehr wohl auch Armut und Arbeitslosigkeit in Europa. Die Mutter hat trotzdem Zuversicht, mahnt die Kinder aber, um jeden Preis zurück zu kehren um Afrika weiter zu entwickeln.

Von Mark Sinzger

Projektteilnehmer aus ReutlingenJana Schönwetter, Verena Plath, Hannah Levene, Janik Ettwein, Laura Kipp, Mark Sinzger
Teilnehmer aus BouakéDao Fatim, Fofana Fatou, Sako Souleymane, Adiko Lea, Coulibaly Ousmane, Soro Rhockiya, Sylla Mahoua
ProjektleitungSonka Müller (Theater PATATI-PATATA Reutlingen), Coulibaly Adama (Deutschlehrer am Lycée classique et moderne in Bouaké)
Projektzeitraum und -ort24.10.2012 bis 10.11.2012, davon 24.-25.10.2012 und 08.11.2012 – 10.11.2012 in Abdijan und 25.10.2012 – 08.11.2012 in Bouaké
An- und AbreiseMit Air France von Stuttgart über Paris nach Abidjan
UnterkunftCollege Notre Dame in Abidjan, Hotel Gbeke in Bouaké